|
Hey Joe
Nachdem unser Hotelbuchungs-bestätigungsfax auf der philippinischen Botschaft im Oman eingetroffen ist, wird uns mit einem freundlichen Lächeln das Visum für exakte 59 Tage ausgehändigt. Einige Tage später fliegen wir mit unseren Fahrradtaschen und leichtem Gepäck nach Cebu City. Nach einer 18 stündigen Reise werden wir von Mizi (Cousine von Marvin und Marc) am Flughafen abgeholt. Trotz Foto ist es nicht einfach, sie unter allen anderen Philippinas zu erkennen. Gut ausgeschlafen geht es am nächsten Morgen auf Erkundungstour. Die buntgeschmückten Jeepneys (Ex US-Army Jeeps, dienen heute als meistgenütztes öffentliches Verkehrsmittel) bringen uns von einem Fahrradgeschäft zum anderen. Unser Vorhaben Mountainbikes zu kaufen, stellt sich schon bald als eine Herausforderung dar. Die Beratung in den Geschäften ist zum verzweifeln. Es entsteht eine Rennerei zwischen Radgeschäften und Internetcafes, letztere bieten wesentlich mehr Infos. Umso mehr freuen wir uns ende Woche die nigelnagelneuen Bikes bepacken zu können. Nach einer Woche Shoppingmalls (das philippinische Kulturprogramm :-) und einer halben Kohlenmonoxidvergiftung sehnen wir uns nach frischer Inselluft.
Auf Bohol (Nachbarsinsel von Cebu) erwarten uns gute Strassen mit wenig Verkehr und freundlich grüssende Einheimische, welche schon am Vormittag mit einer Flasche Tanduay (lokaler Rum) am Straßenrand sitzen: "Hey Joe, nice bike!" (Der Name Joe wird pauschal für alle Langnasen verwendet und führt auf die amerikanische Kolonialzeit zurück.) Es dauert nicht lange bis auch wir uns einen Scherz erlauben. Unser Gruß "Hey Juan!" ruft jedoch nicht selten ein langes Gesicht hervor. Ebenfalls am Straßenrand gibt es erstaunlich viele Coca-Cola-Verkaufsstellen. Beim genaueren Hinsehen, entpuppen sich diese als Minitankstellen: Die kostbare Flüssigkeit wird hier literweise verkauft und die Farbe (Grün für Benzin und Pink für Diesel) verrät den Inhalt! In Panglao genießen wir den feinen, weißen Sandstrand, das westliche Nahrungsangebot (mit der philippinischen Küche: 3-mal täglich Fleisch/Fisch mit Trockenreis können wir uns wenig anfreunden), das kühle Helle und die leckeren Fruchtsäfte. Was uns nach mehreren Monaten in muslimischen Ländern am meisten auffällt, ist das hier auch in der Öffentlichkeit wieder Zärtlichkeiten ausgetauscht werden: Paare spazieren Hand in Hand, auf den Bänken im Park küssen sich Liebespaare, es wird gekuschelt und geflirtet! Doch auch hier sind diesem Treiben Grenzen gesetzt: Am Valentinstag wird die Bevölkerung in den Zeitungen dazu aufgerufen in der Öffentlichkeit nur zu küssen und nicht weiter zu gehen. Sonst werde die Polizei sofort eingreifen! Diese Drohung ärgert hauptsächlich die älteren, wohlgenährten Herren mit hochgezogenen Strümpfen, welche sich den Urlaub für wenige Pesos mit einer jungen, knackigen Philippina versüßen. Sie müssen nun zusätzlich in ein Hotelzimmer investieren :-) Das Motto lautet übrigens: Je dicker desto jünger...
Nach der Scheiaweia an der Alonabeach zieht es uns ins Hinterland: Wir gönnen uns ein Bad in einer Fledermaustropfsteinhöhle, übernachten in einem Stelzenhaus in den Mangroven und kurven durch die Chocolate Hills. Auf dem Rückweg nach Tagbilaran begeben wir uns auf E.T.'s Spuren und besuchen das Tarsiercenter. Der ca. 15 cm große Insektenfresser hat einen langen Schwanz um die großen Sprünge auszubalancieren, riesige, unbewegliche Augen und kann zum Ausgleich den Kopf um 180 Grad drehen. Frühmorgens verabschieden wir uns von unserem Bungalow am Lobokfluss und hieven die Räder die 300 steilen Treppenstufen zum Weg hoch. Nach solchen Betätigungen in den Tropen ist das warm-up mindestens 200-%ig gewährleistet :-)
Mit dem Schnellboot geht es ab nach Siquijor. Hier quartieren wir uns für eine Woche in einem süßen Minibungalow am Strand ein. Wir lernen zwei Paare aus Cebu und eine Kanadierin kennen. Gemeinsam mieten wir ein Jeepney und kurven einen Tag über die Insel, erklimmen die höchste Bergspitze (ca. 700 m) und gönnen uns ein kühles Bad bei den Wasserfällen. Wir stellen fest, dass auch Filipinos/as ihre Arme aneinander halten, um die Hautfarbe miteinander zu vergleichen. Um möglichst weiß zu bleiben kann für einen ordentlichen Batzen Sonnenblock bis Sf 70 erstanden werden, ganz zu schweigen von den unzähligen Whiteningprodukten! Auf der Rückfahrt wird auf dem Markt noch großzügig eingekauft. Die beiden Jungs (!!!) schmeißen die Küche und wir werden gut und reichhaltig bekocht. Beim Essen erfahren wir, wie auf philippinische Art Diät gehalten wird: Ganz einfach, man verzichtet möglichst auf Reis, Brot und sonstige Kohlenhydrate. Wir fragen uns was dann noch übrig bleibt außer reinstem Protein :-) Das Inselparadies wird etwas getrübt, als sich die Stacheln eines Seeigels in Anouks Fuß graben. Die Tipps der Einheimischen sind vielseitig. Wir entscheiden uns für die natürlichste Variante und Simon muss künftig mehr trinken, um möglichst häufig Anouks Fuß benetzen zu können :-) Die kleinen Stacheln haben sich, dank der Säure im Urin schon bald zersetzt...
Auf Negros wird die Beinmuskulatur trainiert. Wir schwitzen auf teilweise sehr staubigen Offroadstrecken und kommen kaum nach mit der Flüssigkeitsaufnahme. Eine kleine Konzentrationsschwäche bei einer Abfahrt und Anouk spickt es vom Sattel. Nach 3 sportlichen Tagen erreichen wir Sipalay. Noch vor dem Morgengrauen werden wir von unzähligen Hahnenschreinen geweckt. Ein Tier beginnt und lässt alle anderen im Lawineneffekt aus voller Kehle mitkrähen. Die Philippinen sind wahrscheinlich das einzige Land, welches mehr Hähne als Hühner züchtet. Durch die allsonntäglichen Hahnenkämpfe, bei welchen den streitlustigen Gockeln scharfe Klingen um die Beine gebunden werden, ist der "Verschleiß" enorm. Wie uns bereits Mizi erklärt hat, kann mit diesem blutigen Spektakel ordentlich Geld gemacht werden. Wenn man z.B. mit 3 Hähnen antritt und alle 3 gewinnen, können bis zu 5 Millionen Pesos (115'000Sfr.) rausspringen!
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, bietet sich für uns in Sipalay eine außergewöhnliche Gelegenheit: Zusammen mit einem anderen Paar, Besitzer Arthur (aus dem Aargau) und einer vierköpfigen Crew, stechen wir auf einer Banka (trad. Boot mit seitlichen Auslegern) in See. Die Angewöhnungsphase ist hart und die Fische erhalten reichlich Futter. Schon nach dem ersten Tauchgang haben wir uns an das Schaukeln gewöhnt und sind nicht mehr vom Boot zu kriegen :-) Als wir abends dennoch an Land gehen, erleben wir was fremd sein bedeutet. Die Leute auf Cagayan haben erst wenige Langnasen zu Gesicht bekommen. Wir treten auf wackeligen Knien (Nachwehen vom Bootsaufenthalt) näher und treffen auf viele Kinder und Jugendliche, welche sich auf dem Sportsplatz versammelt haben. Die Kirchenglocken lassen die spannendste Basketballpartie unterbrechen. Nach einer für uns bedrückenden Stille wird die beliebteste Sportart auf den Philippinen wieder aufgenommen. Die Unterwasserwände (bis 100 Meter) um die Cagayaninseln sind überwachsen von bunten Korallen, mehreren Metern großen Gorgonien und "Blumentöpfen". Die Unterwasserlandschaft mit ihren Höhlen und Gräben machen das Tauchen zum Genuss. Auch die Tierwelt lässt nicht auf sich warten: Wir begegnen Riesenmuränen, Feuerfischen, Tunfischen, Schildkröten, Delfinen und Haien. Abends lassen wir uns voll von den farbigen Eindrücken des Tages in den lauschigen Kojen (mit Dacheinstieg im Bug) in die süße Traumwelt schaukeln.
Zurück in Cebu stellen wir unsere Drahtesel im Hotel unter und reisen mit Leichtgepäck nach Luzon. Aufgrund einer Typhoonwarnung bleibt unser Schiff im wahrsten Sinne des Wortes im Hafen liegen. So verbringen wir eine Nacht an Deck im Hafengelände. Die lange Reise nach Donsol (Südluzon) hat sich mehr als gelohnt. Wann hat man schon die Gelegenheit, gleich mit mehreren Walhaien um die Wette zu schwimmen? Um es genau zu nehmen hatten wir mit unseren ca. 1.75 Metern und den künstlichen, kleine Flossen kein Brot gegen die 12-18 Meter großen Kolosse mit den weißen Punkten :-). Das Erlebnis war jedoch umwerfend!
Noch am gleichen Tag lernen wir eine Gruppe Amerikaner kennen, welche (im Rahmen der Organisation Peace Corps) für 2 Jahre auf den Philippinen arbeiten. Die meisten haben sich eine eigene Hütte bauen lassen oder sogar selbst Hand angelegt. Die traditionellen Hütten bestehen aus Bambus und Reisschilf (ähnlich wie die Strandbungalows). Sie bieten natürlichen AC und Campingromantik in einem. Zum guten Glück ist Jossen im Oman zurückgeblieben, sonst hätten wir ihn womöglich eingetauscht :-) Am Abend treffen wir uns in einer Karaokebar. Nun heißt es Mutige vor: Anouks Versuch scheitert kläglich und Simon lässt es gleich bleiben...
Kurzentschlossen verabreden wir uns um am nächsten Tag gemeinsam den Mt. Mayon (ca. 2400 Meter hoher Vulkan bei Legaspi) zu besteigen. Der Weg führt erst durch das hohe Gras zum Camp 1, wo wir übernachten. Leider spielt das Wetter nicht mit und es beginnt zu regnen. Nach wenigen Minuten mäandriert ein kleiner Wildbach durch unser Zelt. Wir sehnen uns zum 2. Mal nach unserer wunderbaren Ausrüstung, welche zuhause auf uns wartet. Wir verbringen eine nasse, kalte und unbequeme (nur Reismatten als Unterlage) Nacht. Trotz widriger Umstände lassen wir uns die Laune nicht verderben und steigen am nächsten Morgen die Lavaschlucht hinauf. Die Steine und Felsplatten sind steil und teilweise nass. Die Sicht ist gleich null. Mit einem weinenden Auge, beschließen wir den glitschigen Rücktritt anzutreten. Zurück in Legaspi erquicken wir uns an mexikanischen Tacos im Sonnenschein. Am nächsten Morgen erstrahlt Mt. Mayon in seiner vollen Pracht...
Nach einer zweitägigen Reise schnuppern wir frische und regnerische Bergluft in Banaue (Nordluzon). Mit dem Tricycle (Motorrad mit seitlichem Anhänger) lassen wir uns am Wegrand absetzen. In Batad (2 Stunden Fußmarsch) erstrahlt das Amphitheater aus Reisterassen im satten Grün. Mitten drin thronen ein paar Bambus- und Wellblechhütten. Auf dem Rückweg balancieren wir auf den Reisterrassenmäuerchen und lassen die Schweißtropfen auf das hohe Gras fallen.
Um den Weg in den Süden etwas abzukürzen, gönnen wir uns einen Flug von Manila nach CebuCity. Die Sicht über die unzähligen Inseln und Riffe ist beeindruckend und unsere Nasen kleben an den kleinen Fensterscheiben...
Zurück am Strand lassen wir unseren Philippinenaufenthalt mit guter italienischer Küche, Tauchen und dolce fare niente ausklingen... Der Abschied von dem äussert freundlichen, hilfsbereiten und fröhlichen Inselvolk ist nicht einfach. Gerne wären wir noch etwas länger geblieben.
Um drei Uhr morgens besteigen wir mit Übergewicht (Fahrräder) das Flugzeug in Cebu. 18 Std. später in Muskat, liegen unsere Räder schon neben dem Foerderband. Das restliche Gepäck fehlt. Die schon oft unberechtigte Befürchtung ist eingetroffen: Wir stehen ohne Gepäck da!
Die Freude beim Wiedersehen mit Jossen ist groß. Er ist in bester Verfassung und das Postpaket aus der Schweiz mit der neuen Dachluke ist eingetroffen. Wir machen uns sofort an die Arbeit, die defekte Dachluke auszuwechseln. Waehrend unserer Abwesenheit (Indien) wollte wohl jemand dringend ins Auto kucken/steigen und hat den Deckel der Luke beschädigt... Bevor wir losfahren, müssen die zwei Räder verstaut werden. Ein paar sperrige Teile werden abmontiert und die Räder hochkant neben dem Bett festgezurrt. Erschöpft lassen wir uns am Abend in die sehr warmen und vertrauten Kissen fallen.
In den nächsten Tagen beschäftigen wir uns mit der Weiter- resp. Rückreise. Visa für Saudi-Arabien, Syrien und den Libanon müssen eingeholt werden. Die beiden Länder mit 'S' fordern ein Empfehlungsschreiben von unserem Konsul, was das Ganze um vier Tage verzögert.
Am Wochenende (Donnerstag und Freitag) fahren wir ans Meer. Die Tage sind sehr heiß (über 30 Grad) und wir rollen von einem Schattenplatz zum anderen. Am Abend genießen wir die frische Meeresbrise und entdecken eine große Meeresschildkröte am Strand. Im Auto wird umgepackt und Frühlingsputz gehalten. Jossen wird für sein geduldiges Warten mit einer zweiten Batterie (inkl. Befestigungsplatte) und vier neuen Hinterreifen belohnt. Zusätzlich baut Simon noch einigen Schnickschnack im Cockpit ein: Eine Uhr, ein Kugelkompass, eine Temperaturanzeige und ein Ventilator mit eingebautem Schalter auf dem Armaturenbrett...
Aufgrund der Hitze wird es für uns allmählich Zeit Richtung Norden aufzubrechen. Sobald wir alle Visa im Pass haben, treten wir (inshallah) die Rückreise an: VAE, Saudi-Arabien (drei Tage Transitvisum für 1800 Km!), Jordanien, Syrien, Libanon, Türkei...
Liebe Wüstengrüße Anouk und Simon
|