23. November 2005

MEMBERSEITEN


Reisebericht Indien, 4. 2. 2005

Yes?? Hello Sir! What is your good name?

Am letzten Abend vor der Abreise nach Indien, treffen wir uns in Muskat mit Yousef, einem Freund von Nicola (hat hier vor einiger Zeit ein Praktikum gemacht), der an der Sultan-Quabos Universität studiert. Nach einer Stadtrundfahrt erfahren wir bei einer Wasserpfeife wieder einige interessante Sachen übers Land. Wir wissen nun, dass ein Student an der Uni fürs Studieren etwa 500 CHF pro Monat verdient, falls er wegen der Distanz nicht mehr bei den Eltern wohnen kann. Wir wissen auch, dass das Essen an der Uni gratis ist, die Klassen gemischtgeschlechtlich sind und einige Frauen sogar ohne Kopftuch(!) zu den Vorlesungen gehen, die Frauen im Campusgelände wohnen (und bewacht werden), die Frauen mit dem Bus von einem zum nächsten Vorlesungsgebäude gebracht werden, die Jungs jedoch zu Fuß gehen müssen und viele weitere Details über den Studentenalltag.

Am nächsten Tag verabschieden wir uns etwas schwermütig von unserer Küche, unserem Auto, Schlaf- und Wohnzimmer und stellen "Jossen" frisch gewaschen auf den Parkplatz des Hotel Intercontinental. Der Flug ist kurz und in Bombay erwartet uns eine andere Welt. Überall platzte aus allen Nähten, kein Ort der nicht voller Leben, Farben und Leute ist. Alles spielt sich auf der Strasse ab: Es wird gewaschen, geschlafen, geduscht, gespielt, verkauft und verhandelt, getrunken und gegessen. In Bombay gibt es etwa 50'000 schwarze Oldtimer-Fiat-Taxis. Mit einem solchen fahren wir in die Stadt, vorbei an kilometerlangen Flüchtlingslagern, welche entlang der Strasse errichtet wurden und seit 1971 von Flüchtlingen aus Bangladesh bewohnt werden. Der "india-style" Verkehr ist nicht jedermanns Sache und laut Taxifahrer kommt es schon mal vor, dass Touristen auf dem Hintersitz laut aufschreien (sometimes they scream: oh my good!!!). Unser Taxifahrer gibt wirklich sein Bestes um uns schnellst möglich durch das Verkehrsgewühl zum Hotel zu bringen. Manchmal wird’s ganz schön eng, doch da die Taxis ohne Seitenspiegel produziert werden, passen sie durch jede noch so kleine Verkehrslücke - alles kein Problem!

Da wir uns Bombay erst am Ende der Reise genauer ansehen möchten, organisieren wir ein Ticket nach Goa. Der Sleeper-Bus startet am Nachmittag
im Zentrum, verlässt nach ca. 3 Stunden und unendlichen Stopps die Stadt und hat am nächsten Morgen sein Werk vollbracht: Geräderte, durchgeschüttelte Touristen mit Köpfen wie Brei (nach 16 Stunden head- banging im virtuell gefederten Bus), schleppen ihre Säcke raus und starten die zähen Preisverhandlungen mit den Taxifahrern.

Wir sind in Anjuna angekommen und treffen auf jede Menge Original-Indien-Traveller: Leute die sich (teilweise mit der ganzen Familie) von der Scheiß-Konsum-Gesellschaft verabschiedet haben und sich nun (echt kreativ) mit Alk, Ganja und Pillen voll stopfen. Oder (Sorte Nr. 2) "Omm - Zenn - Entspann Dich..." auf dem spirituellen Überflug ständig irgendwo zwischen Nirwana und Kuhmist schweben. Sonst ist Goa ein kleines Europa in Indien und wir genießen Discos, Bars und die Strände, welche wir mit dem Scooter erkunden. Gegen Ende der Woche kündet sich bei Simon die erste Grippe an und Anouks Geburtstagsparty fällt ins Wasser.

In Hampi ergattern wir eine Hütte mit Hängematte und Aussicht auf Fluss und Reisfelder. Hier auf dem Lande fühlt man sich ein Jahrhundert zurückversetzt. Die Landwirtschaft ist meist noch reines Handwerk: Mit Büffel und Einscharrpflug werden die Felder bestellt, der Esel oder Ochsenkarren bringt die Ware auf den Markt, Lehm- und Palmhütten bieten Schutz vor der Witterung. Nur selten erleichtern Traktor oder Pumpe die harte Arbeit. Hier treffen wir einen Bündner Koch, der sich etwas abseits der Touri-Huettensiedlung niedergelassen hat. An die Rösti am folgenden Abend, werden wir uns wohl noch lange erinnern! An jeder Straßenecke werden leckere Bananen in verschiedenen Qualitäten angeboten: Which quality you want? Today-eat-banana or tomorrow-eat-banana? Das Gebiet ist jedoch nicht speziell für Gourmet-Reisen bekannt. Berühmt ist es bei Kulturinteressierten für die riesigen Tempelanlagen mit ihren klingenden Säulen, bei Israelis für die spottbilligen Unterkünfte und den ungetrübten Hanfkonsum und bei Kletterfans für die einmaligen Boulderfelsen.

Nach einer entspannenden Woche in diesem kleinen Paradies geht es weiter nach Bangalore, dem indischen Zentrum der IT-Branche. Im Kino (Oceans Twelve) klingelt es ständig. Bei genauerem Hinhören realisieren wir rasch, dass es sich bei den Pipstönen gar nicht um das Mobile unserer Sitznachbarn, sondern um die saubere Zensur sämtlicher unanständiger (Fluch-)Wörter handelt! Im Cafe nebenan kommen wir mit zwei jungen Programmierern aus Bombay ins Gespräch, die für einige Zeit in diesem Provinzkaff (Bangalore hat schlappe 6 Mio Einwohner) arbeiten müssen: "It's so quiet here. People don't even speak proper english!"

In Mysore, unserer nächsten Station, liegt Simon schon wieder einige Tage mit 39 Grad Fieber im Bett. Doch rechtzeitig für Weihnachten ist die Grippe auskuriert. Nach einem "smaakeligen" Essen mit einem holländischen Paar, amüsieren wir uns in der hiesigen Kathedrale bei der Mitternachtsmesse an live Synthesizer-Musik, blinkenden Lichterketten in allen Farben, kitschigen Gemälden und dem pompösen Auftritt des Bischoffs, der die Messe liest. Wegen dem hohen Entertainmentwert dieses Events sind auch viele Nicht-Christen anwesend, es herrscht ein reges Kommen und Gehen. Die blinkende, leuchtende, farbige Kirche und die peppige Musik sind überzeugende Argumente für jedermann... Mysore ist ein Zentrum der Seidenproduktion. In der Silk Faktory werden wunderschöne Saris hergestellt (ein Sari = 5.5 m Seidenstoff). Bei einem Rundgang durch die Produktion können wir uns alle Arbeitsschritte ansehen, jeder erklärt uns voller Stolz seine Aufgabe. Besonders faszinieren uns die Webmaschinen, welche noch mit Lochkarten programmiert werden.

Auf der Reise in den Süden machen wir im Bandipur Nationalpark halt und können bei einer Rundfahrt im stinkenden, lärmenden Diesel-Bus erstaunlich viele Tiere beobachten: Massenhaft Rotwild (Sambar Deer, Spottet Deer), ein Rudel Wild Dog, eine Elefanten-Familie, Wildschweine und Affen (Langur) sind mit von der Partie. In der Hoffnung auf Tiger und Baer unternehmen wir am Abend und bei Morgendämmerung Trekkingtouren mit einem Führer. Außer einigen Bisons und einem weiteren Elefanten kommt uns jedoch nichts Größeres zu Gesicht.

In Ooty, einer Hillstation auf 2000 Metern Höhe werden die Nächte merklich kühler. Die Hillstations dienten den Briten als Erholungs- und Rückzugsgebiet während den heißen Sommermonaten. Heute werden sie als Kurorte vorwiegend von wohlhabenderen Indern besucht. Dies macht sich erst mal im Bauchumfang bemerkbar - er ist bestimmt doppelt so groß wie üblicherweise. Aber auch die Kleidung hat sich geändert: Anstelle der farbigen Saris ist 80-er Mode angesagt und beim Vergnügungspark läuft Abba auf Hindi!! Die Silvesternacht verbringen wir mit einigen Freunden im Guesthouse am knisternden Kaminfeuer. Auf Schokolade und Schnaps folgt eine kurze Nacht...

Mit der Dampflok geht es vorbei an Teeplantagen Richtung Meer. Doch schon wieder kränkelt Simon und die nächste Grippe macht sich bemerkbar. Mit hohem Fieber bleiben wir drei Tage in Coimbatoire stecken und machen uns danach auf nach Kochi, einer Küstenstadt in Kerala. Die ständigen Krankheiten machen uns zu schaffen und geben der Indien-Reise einen bitteren Beigeschmack. Das Reisen lässt sich halb gesund nur schlecht genießen. Nachdem Anouk auch noch krank wird, kurieren wir uns erst mal richtig aus und unternehmen danach gemütliche Ausfahrten auf Palmbooten durch die ruhigen "Backwaters" von Kerala. Die Leute leben hier auf schmalen Dämmen zwischen gefluteten Reisfeldern und Kanälen für die Schifffahrt und fertigen alles Mögliche (Seile, Öl, Todi(Schnaps), Hütten usw.) aus der allgegenwärtigen Kokospalme. In Aleppy verbringen wir 24 Stunden auf einem Hausboot, welches mit zwei Bambusstangen durch die Kanäle "gestochert" wird (vergleichbar mit den Weidlingen in Basel). Auf unserem Boot verfügen wir über ein gemütliches Schlafzimmer mit Dusche, genießen in Korbstühlen die herrliche Aussicht und lassen uns vom Privatkoch verwöhnen!

Nach 6 Wochen Südindien bekommen wir Lust auf den Norden und nehmen den nächsten Zug nach Bombay. Das Abteil teilen wir mit einem sympathischen Ingenieur aus Kerala, welcher mit seiner Tochter von einer Hochzeit zurück zur Arbeit in Bombay fährt. Auf der 30-Stuendigen Fahrt erfahren wir, dass ein 50 jähriger Ing. im Jahr 8500 CHF verdient, eine 2-Zi Wohnung 50 CHF pro Monat kostet, auf das Einkommen 15% Steuern zu zahlen sind und er seine Frau, welche in Kerala lebt nur ca. 2x im Jahr zu Gesicht bekommt. Auch die arrangierte Hochzeit kommt wieder mal zur Sprache. Sie ist in ganz Indien die Norm. Zu einer "love-marriage" kommt es nur bei reichen Familien in großen Städten. Auf dem Land führt sie meist zum Verstoß aus der Familie. Die Standardprozedur für eine arrangierte Hochzeit geht wie folgt:
1. Sondierungsgespräch der Eltern: Der Vater des Bräutigams nimmt Kontakt mit dem Vater der Braut auf und prüft das prinzipielle Einverständnis.
2. Einverständnis Sohn resp. Tochter: Jeder Vater schildert seinem Kind die "technischen Daten" (Bildung, Alter, Beruf usw.). Falls sich beide einverstanden erklären, findet
3. das Treffen der beiden Heiratswilligen statt. Dort werden wohl eher die ästhetischen und sozialen Qualitäten evaluiert...
4. Aushandeln des Brautgeschenks: Der Vater des Bräutigams fordert ein Brautgeschenk, die Höhe wird ausgehandelt. Falls der Vater der Braut nicht die gewünschte Summe aufbringen kann, platzt der ganze Deal! Das Brautgeschenk ist je nach Kaste unterschiedlich. Die Christen in Kerala, zu welchen unser Informant dient, werden den oberen Kasten zugeordnet. Ein durchschnittliches Brautgeschenk beträgt bei ihnen ca. 50'000 CHF, kann jedoch bis zum Doppelten steigen. Es umfasst typischerweise 1kg Gold (in Schmuckform), eine möblierte Wohnung, ein gut gefülltes Konto und Barschaften. Der genaue Umfang des Brautgeschenks gehört zu den beliebtesten Themen für den Smalltalk an der Hochzeit selbst :-)

Nach einer weiteren 19-Stunden-Busreise im air-suspension Bus erreichen wir Udaipur, die Stadt der Seen, Paläste und "Octopussy" - dem James-Bond Streifen der noch heute, 20 Jahre nach Drehtermin, täglich in den billigen Unterkünften gezeigt wird. Hier gefällt uns Indien super. Die Strassen teilen sich Ritschkas mit Kamelen, Elefanten, Fahrrädern, Autos und Ochsenkarren. Auch wenn die Seen größtenteils trocken liegen, sind Landschaft und Paläste beeindruckend. Wir mieten uns für einen Tag eine Ritschka und lassen uns von Reiskhan durch die Stadt chauffieren. Am Abend werden wir auf einen Tee zu Reiskhan nach Hause eingeladen. Die Wohnung besteht aus 2 Räumen: Einer Küche und einem Wohn- resp. Schlafzimmer. Im einzigen Bett der Wohnung schläft der Sohn. Den Fußboden teilen sich Vater, Mutter und die kleine Tochter!

Jodhpur erreichen wir nach einer langen Taxifahrt am Abend. Am nächsten Morgen bekommen wir einen ersten Eindruck von der Stadt: Ein Kind pisst vor uns auf die Strasse, gleich daneben knabbert eine Kuh an einer vollgeschissenen Windel. Die Altstadt ist eigentlich eine erstaunlich dicht besiedelte Farm. Es gibt massenhaft Kühe, Esel, Pferde, Kamele, Büffel und den entsprechenden Dung auf der Strasse. Die Leute erscheinen uns – positiv ausgedrückt - äußerst geschäftstüchtig, manchmal sogar etwas aufsässig. Nur die Kinder bleiben immer freundlich: Sie grüssen uns auch noch während ihre Scheiße in den Strassengraben fällt... Am eindrücklichsten ist jedoch das riesige, massive Fort, welches über der Stadt thront. Von Jodhpur geht es per Zug nach Bombay und von dort mit Air India zurück nach Muskat.

Wir steigen ins Taxi (klimatisiert, mit Seitenspiegeln (!), der Tacho geht) und fahren über perfekte Strassen (beleuchtet, sauber (!), keine Schlaglöcher) nach Muskat. Wir sind zurück im Oman, dem Land in dem die Menschen nach Weihrauch und Parfum duften und die Äpfel im Supermarkt ausschließlich einzeln poliert zu haben sind. (Der Frucht-polier-Inder macht’s möglich...)

Namaste
Simon und Anouk

FORTSETZUNG FOLGT...
Reiseforum Indien

Flohmarkt Anjuna, Goa

Goa, little Vagator Beach

Entspannen in Hampi

Elefantenbad

Markt in Mysore

Gemüsemarkt

Dampflok bei Ooty

Backwaters in Kerala

Kathakali-Tanz

City-Palace Udaipur

Ganesh (Wandmalerei)

Riesenritschka

Säulen in Ranakpur

Namaste

Das Fort Kumbal Garh

Frauen in Rot, Jodhpur

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