23. November 2005

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AUFS GLATTEIS GEFüHRT, 4. 1. 2005

Liebe Leser,

wie vor langer Zeit hat es mich mal wieder in das Reich der Mitte gezogen. Dieses Mal nach Shanghai. Da ich bis jetzt noch nicht in Shanghai gewesen bin, habe ich meinen Koffer wie damals gepackt: Fast nur Sommerkleidung und keine warmen Wintersachen, die das Gewicht meines Koffers gesprengt hätten. Ich musste ja 20kg + 5kg Gepäckbeschränkung einhalten. Da die Zeit knapp wurde, habe ich erst zwei Stunden vor Abfahrt zum Flughafen geackt, mit dem starken Gefuehl, dass ich etwas vergessen habe.

Wie durch ein Zufall saß beim Einstieg in den Flieger ein anderer Alumni vom Ostasieninstitut neben mir und wir unterhielten uns während des Fluges nicht nur über alte Zeiten, sondern auch über das Gepäck. Sie staunte etwas, dass ich ein normales deutsches Reisebüro aufgesuchte. Ihr Flug, im chinesischen Reisebüro geordert, war nicht nur billiger, sondern sie hat auch die Gepäckbeschränkung auf 35kg + 5kg hoch gehandelt. Toll, das hätte ich natürlich auch gemacht, aber so blieb es leider nur beim “hätte” und bei der Planung für das nächste Mal.

Erinnerungen wurden wach, wie zum Beispiel die kurze Wahl zwischen dünner grüner Weste und dicker Winterjacke, die ich bei meinem letzten Chinaaufenthalt gekauft habe. Ich entschied mich leider für die leichte Weste… und das habe ich davon. Ich schaffte es nach meiner Ankunft nicht einmal ein einziges Zimmer meiner Wohnung auf über 5°C zu heizen, geschweige denn eine warme Bettdecke zu organisieren. Als ich von meinen ersten Arbeitstagen bei einer Bank wiederkam, beugte ich mich erst einmal für zehn Minuten über den Gasherd und habe fast mein Jackett angezündet, weil ich möglichst nah am Feuer sein wollte. Ihr müsst Euch vorstellen, dass hier im winterlichen Shanghai die Temperaturen beim Gefrierpunkt liegen und es Bindfäden regnet. Es gibt hier eine Klimaanlage im Schlafzimmer, die leider bei kuehleren Temperaturen ihren wärmenden Dienst quittiert. Ausserdem ist sie schrecklich teuer. Da ich erst einmal die Wohnung von Freunden bezogen habe, wollte ich ihnen natürlich nicht durch die überdurchschnittlich teure Klimaanlage auf der Tasche liegen. Wenn man aber morgens zitternd aufwacht und die Luft noch immer beim Atmen im Bett kondensiert, dann denkt man auch nicht mehr an die Freundlichkeit, die man dem anderen entgegenbringen will. Als ich anschließend ins Badezimmer zum Duschen ging, habe ich erst nach dem Duschen gemerkt, wie man das Wasser warm stellt. Da konnte ich aber schon nicht mehr das Handtuch richtig halten.

Doch nun ein kleiner Exkurs zurück zu meiner dünnen Jacke: Ausgerechnet in der bisher allerkältesten Nacht ist mir ein Missgeschick passiert. Ich war weit innerhalb von Puxi (Westlich vom Pu Fluss) und wohne bekanntlich in Pudong (östlich vom Pu Fluss), als mich plötzlich der kleine Hunger biss. Ich ging also in eines dieser kleinen warmen Lokale und fand mein Lieblingsnudelgericht aus Sichuan (schärfstes Essen) Dandanmian! Nachdem ich eine riesige Schüssel bestellte und in die Hand gedrückt bekam und diese zu meinem Platz balancieren wollte, fiel einem Chinesen vor mir der Schirm hin, den ich natürlich sofort mit Nudeln in der Hand aufheben wollte. Doch irgendwie wollten meine Nudeln sich nicht länger in meiner Schüssel aufhalten, sondern fanden stattdessen einen kuscheligen Platz auf meiner grünen Weste. Somit war das Essen nur noch halb so voll (wollte ja eh abnehmen) und der Heimweg noch kälter. Zu allem Überfluss konnte man die Jacke nicht mehr waschen und ich stand zwei Tage ganz ohne da.

 

Weg zu meinem Arbeitsplatz: einer chinesischen Bank.

Die Temperaturen in Shanghai sind am Tag zwischen -2°C und 0°C. Da bleibt es nicht aus, dass ein paar Bürgersteige vereist sind. Während in unserer Heimat immer gemeckert wird, nicht streuen sei doch zu gefährlich, wird hier einfach ein bisschen aufgepasst und ein paar Mal rumgerutscht; oder man geht einfach direkt über die breiten Strassen, was ich meistens mache.

Bei dieser ganzen Aktion ist mir allerdings ein bisher unbekanntes Phänomen aufgefallen. Alle Chinesen fahren bei kaltem Wetter Taxi. Als ich den Laden verließ, war natürlich kein Kleiderladen mehr offen und die Bürgersteige waren leer. Es dauerte mindestens fünfzehn Minuten bis ich ein Taxi gefunden habe. Aber eine Erkältung habe ich glücklicherweise noch nicht, denn vorgewarnt durch meinen letzten Chinaaufenthalt, habe ich die chinesische Eigenschaft übernommen drei Pullover übereinander zu tragen.

Nun aber noch der größte Unterschied zu meiner Fahrt vor zwei Jahren in die chinesische Provinz Guizhou: Der Unterschied bei Preisverhandlungen. Während bei Verhandlungen in Guizhou alle Parteien immer lieb miteinander waren und ich mich nach dem Kauf häufig über den Tisch gezogen fühlte, schenkt man sich hier kaum etwas und versucht gemein zueinander zu sein, bis der Händedruck erfolgt ist und der Kauf vollzogen. Dann kommt meistens von der anderen Seite ein glückliches Womenshipengyoumen! „Wir sind Freunde!“. Ja und ich bin danach immer überglücklich und fühle mich nicht mehr über den Tisch gezogen.

Ein Beispiel: Nach zwei Wochen habe ich endlich meine neue Wohnung gemietet und bin nicht mehr abhängig von meinen Freunden. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Nach vielen Besichtigungen habe ich mich für eine recht kleine aber feine Wohnung entschieden. Die ausschlaggebenden Punkte gegenüber den billigeren, größeren und schöneren Wohnungen waren: Es gibt eine Waschmaschine, super Verkehrsanbindung, und alles neu: Kabelfernsehen, Klimaanlage, Toilette, Kühlschrank, Schränke, Betten, Gasherd…

Dann ging es zum Vertrag: Der Vermieter, Leute vom Vermittlungsbüro, der Vater meines Bekannten, bei denen ich vorher wohnte und ich verhandelten lebhaft. Der Vermieter hat dabei alles versucht. Er wollte statt beide Paar Schlüssel nur eines hergeben, drei Monatsmieten im Voraus haben, obwohl er im Vertrag nur vom 01.01. bis zum 01.03. die Zahlung eingetragen hat, alle Stände vom Gas, Strom und Wasser falsch ablesen, … Aber die meisten Gemeinheiten haben wir herausgefunden und den Rest kenne ich halt nicht, noch nicht. Egal, denn nach der Verhandlung wurde ich obligatorisch Freund des neuen Vermieters und laut guter alter europäischer Tradition wissen wir alle, dass sich Freunde nichts tun: Also, alles kein Thema. 

In der Sylvesternacht habe ich übrigens in einem Hotel geschlafen und wollte mich dort am nächsten Morgen rasieren. Es war ein sehr gutes und gepflegtes Hotel, also nichts zu beanstanden. Bis auf den Rasierer. Man bekommt ja immer einen „neuen“, gut verpackten und eingeschweißten Einwegrasierer ins Bad gelegt. Ärgerlich war nur, dass bei näherem Hinsehen noch zwei kleine Härchen vom Vorgänger zwischen den Klingen steckten. Bei der Zahnbürste habe ich dann nicht mehr so genau hingeschaut. Ich lasse mir doch meine gute Morgenpflege nicht versauern. Aber gut, dass uns mal ein Dozent gesagt hat, dass Chinesen sehr gut im Recyceln sind und dass man am besten für medizinische Notfälle eine Spritze aus Deutschland für die chinesischen Ärzte mitnehmen soll. Denn durch solche Geldsparerei können schnell Krankheiten übertragen werden. Ohne den Spruch, wäre mir der Rasierer nicht aufgefallen…

So und nun wieder an die Arbeit mit Euch, ich habe am 04.01. begonnen nicht nur Freizeitstress zu haben…

Euer Björn


Informationen zu China finden sich im China-Reiseforum

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